Als Flüchtlingsfamilie geduldet

Familie Ogbomo​

Ihren Ursprung hat die Familiengeschichte am Münchner Hauptbahnhof. An einem Novembertag 2017 erkundigte sich Rosemary Agheime bei ihrem nigerianischen Landsmann Gabriel Ogbomo nach dem Weg ins Asylantenheim. Eine Frage mit Folgen: Mittlerweile sind die beiden längst ein Paar und haben einen zweijährigen Sohn.

Wer den kleinen Richmond völlig unbefangen und treuherzig zwischen seinen stolzen Eltern sitzen sieht, denkt unweigerlich an ein perfektes Familienidyll. Doch über dem Glück der Kleinfamilie liegt ein dunkler Schatten: Die Asylanträge der Eltern wurden beide abgelehnt. Dabei sind die Erlebnisse beider Elternteile in ihrem Heimatland ziemlich übel.

So erzählt die 32-jährige Rosemary – Tochter einer Verkäuferin und eines Busfahrers – dass sie als Haushälterin bei einem nigerianischen Politiker gearbeitet hat. Eines Tages überreichten ihr einige unbekannte Männer ein Päckchen, in dem sich eine Dosis Gift befand, mit dem sie ihren Arbeitgeber umbringen sollte. Die Männer, die offensichtlich einer gegnerischen Partei angehörten, wollten sie für den Mord bezahlen. Rosemary wies sowohl Geld als auch Gift zurück.

Gewalterfahrungen sind nicht unüblich

An dieser Stelle ihrer ruhig vorgetragenen Erzählung unterbricht ihr Mann Gabriel sie energisch: „Weißt du, Politik in Nigeria ist nicht wie Politik in Europa. Politik ist …“ Der große, athletische Mann ringt nach Worten und der Zuhörer ahnt, dass der Einsatz von Gewalt im Politikbetrieb dieses afrikanischen Landes nicht unüblich ist.

Die zurückhaltende Rosemary ergreift wieder das Wort und erklärt, dass sie nach der Ablehnung des Auftragsmordes immer wieder bedroht wurde und von da an Angst um ihr Leben hatte.

Ganz offensichtlich war diese Angst begründet. Denn schon kurze Zeit nach diesem Vorfall wurde das Auto, in dem der von ihr betreute Politiker saß, in die Luft gesprengt. Der Wagen brannte völlig aus und ihr Arbeitgeber verstarb an Ort und Stelle auf der Straße. Nach diesem Mordanschlag hatte sie gleich zwei Gruppen zum Feind: Die Familie des Getöteten hatte sie im Verdacht, das Attentat verübt zu haben. Und nach wie vor war sie im Visier derjenigen Männer, die sie ursprünglich mit dem Giftanschlag beauftragen wollten. Rosemary war sofort klar, dass beide Gruppen versuchen würden, ihr die Schuld am Tode des Politikers in die Schuhe zu schieben. Mit einem traurigen Blick weist sie auf ihr damaliges Dilemma hin: „Der Polizei zu erklären, dass ich nicht die Mörderin bin, war so gut wie aussichtslos.“ Also nahm sie alle Ersparnisse in die Hand und flüchtete über Libyen und Italien nach Deutschland.

Keine freie sexuelle Orientierung

 

Dieselbe Fluchtroute hatte auch Gabriel, ihr Mann, gewählt. Seinen Grund, seine Heimat zu verlassen, erläutert er kurz und knapp: „Ich bin bisexuell. Und in Nigeria bin ich mit einem Mann zusammen gesehen worden. Die Leute von der Straße haben mich deswegen zusammengeschlagen.“ (siehe Kasten) Stumm zeigt der kräftige Mann auf eine deutlich sichtbare, etwa zwei Zentimeter große Narbe an seiner Hand. Dann deutet er noch auf weitere Stellen an seinen Beinen und sagt: „Sie haben mir so stark mit einem Stock auf den Rücken geschlagen, dass ich jetzt noch behandelt werden muss und schon zweimal beim Radiologen war.“

Gabriel, dessen Mutter schon in seiner frühen Kindheit gestorben war und dessen Vater als Glaser arbeitete, hatte in Nigeria eigentlich eine gute Zukunft vor sich. Nachdem er den höchsten Schulabschluss geschafft hatte, begann er, Informatik zu studieren. Zwei Jahre lang lernte er fleißig. Leider konnte er mit diesem Wissen in Deutschland nichts anfangen. Das Geld für seine kleine Familie verdient er als Kommissionierer bei einem Ableger der auf die Belieferung von Großkunden der Gastronomie spezialisierten Metro-Gruppe in Sulzemoos. Das kleine Örtchen ist etwa sechs Kilometer von der Wohnung seiner Familie im Containerdorf in Odelzhausen entfernt. Gabriel ist froh und dankbar, dass ihm dieser Job vom Helferkreis vermittelt wurde.

Ob er generell mit seiner Situation zufrieden ist? „Ob meine aktuelle Situation gut oder nicht gut ist? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich, seitdem ich hier bin, keine Probleme mit der Polizei hatte. In Nigeria hatte ich immer Stress mit der Polizei. Hier mache ich alles, was mir das Landratsamt sagt.“ Dann weist er darauf hin, dass niemand in seiner Familie einen Pass hat. „Mit Pass kann man in Deutschland gut leben. Ohne Pass ist alles scheiße.“

Und wie sieht die Zukunft der Familie aus? „Ich und mein Sohn haben eine Aufenthaltsgestattung von sechs Monaten, meine Frau hat hat eine Duldung für ein viertel Jahr. Aber ich werde Rosemary heiraten und für unseren Sohn kämpfen!“

Claus Ritzi

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Homosexualität strengstens verboten

In Nigeria ist Homosexualität verboten und wird mit Gefängnisstrafen von bis zu 14 Jahren geahndet. In den zwölf nördlichen Bundesstaaten wird zusätzlich das islamische Recht der Scharia umgesetzt. Das bedeutet, dass gleichgeschlechtlichen Paaren im schlimmsten Fall die Todesstrafe in Form einer Steinigung droht. Homosexualität gilt als „unafrikanisch“. Gesellschaftliche Gruppen, die sich für die Gleichstellung von homosexuellen Menschen stark machen, sind verboten. Wer einer solchen Gruppierung angehört, muss mit Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren rechnen.